De nouveau bâtiment – pièce H

IMG_3287Die wegweisende Kraft des Zerfalls treibt den Künstler voran. Sie ist Antimaterie der schöpferischen Willensbildung und hilft dem Beseelten unbeschadet durch die feindliche Welt der Fantasmagonie zu gelangen. Der Hinterhof ist oft der einzige Zeuge. Ein altes Maultor mit schiefem Oberlicht kaut mit hohlem Zahn in den Angeln. Ein sprödes Fenstersims reibt müd am geschwollenen Augenlid. Auf Schnee und Kälte folgt Eis. Der Winter verdampft alle Sorgen.

Die Tage des andern Chief – II

Freitag 17.07.15, 9.17 Uhr (Eine Falle für den Chief)

Als ich beschwingt und leichtfüßig vom Einkauf heimkehrte, fand ich den Chief handlungsunfähig eingeklemmt unter meinem Fernsehschränkchen vor. Still saß er da, geduldig meiner Heimkehr harrend. Ich befreite ihn, streichelte ihn kurz und grenzenlos unbekümmert setzte er sein Werk fort. Ein lange zurückgehaltener Seufzer entrang sich meinem Inneren.EineFalleFürDenChief

Die Tage des Chiefs – I

Dienstag 14.07.2015, 12:08 Uhr

Der Chief ist da! War nach dem Läuten der Türglocke zunächst unentschlossen wegen des bisher so herrlich ungestörten, freien Tages, gab dann aber doch der Neugier nach. Er stelle es grade eben hinter die Gartenpforte, versicherte mir die Gegensprechanlage, da schwante es mir schon und so wars dann auch: Leicht lädierten Kartons lehnte er am Gartenzaune und begann seinen Sirenengesang zu säuseln.

Dienstag 14.07.2015, 15:03 Uhr

Der Chief saugt munter den roten Salon, kommt aber anscheinend nicht so richtig auf den Teppich klar. Ist ihm wohl zu „leicht“ und am falschen Platze, wird er sich aber mit abfinden müssen. Der Teppich macht das Zimmer erst richtig gemütlich, also bleibt er!

Dienstag 14.07.2015 ca. 15:30 Uhr

Habe mich ins Schlafzimmer zurückgezogen, während der Chief draußen rumort. Ich hoffe er verletzt sich nicht…

Dienstag 14.07.2015, 16:00 Uhr

Seit einer halben Stunde ist es ruhig und ich habe meine Buch beendet. Ich finde den Chief unverletzt und tatendurstig. Kurzentschlossen sperre ich ihn ins Schlafzimmer, um den Rest meines Heims ungestört lüften und auf etwaige Schäden begutachten zu können. Als ich vom Balkon aus ins Schlafzimmer blicke, sehe ich wie er den Nachttisch vor die Tür rückt.

Dienstag 14.07.2015, 17:30 Uhr

Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, rief er mich und ich habe ihn rausgelassen. Gab ihm dann was zu fressen und wies ihm sein Zimmer an. Scheinbar schläft er jetzt.

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De nouveau bâtiment – pièce Z

Lesekammern

Grau und matt würfelt sich dieser architektonische Wunschtraum in die Stadtlandschaft. Hundesatt pumpt die offen gelassene Verkehrsader ihre glitzernden Schwaden an den engen Lesekammern vorbei. Käsige und weniger käsige Studenten mampfen Wissen hinter glänzenden Fenstern und sehnen sich nach sprudelnden Erfrischungsgetränken und begurktem Käsebrot. Der Morgen frisst den Abend und der Abend frisst den Morgen.

Ansichten eines Steinestaplers

Sich in der Szene zu behaupten ist nicht einfach. Man benötigt ein ruhiges Händchen, Beharrlichkeit und Durchstzungsvermögen, um die eigenen Vorstellungen verwirklichen zu können. Der Stein ist der Gegner. Ganz klar. Ihn zu bezwingen, oberste Direktive.
Es war an einem schönen Tag im März, als ich den Kampf gegen diese schweigsamen Gesellen auf mich nahm.

Ich hatte gerade damit begonnen den Garten aufzuräumen. Er war von winterlicher Brache ganz zerwühlt und unansehnlich, da stieß mein Fuß gegen eine harte Kante. Ärgerlich wollte ich das Hindernis mit einem gezielten Tritt beiseite schaffen, doch irgend etwas ließ mich innehalten. Der Stein verdiente es nicht noch einmal mit meinem Fuß in Berührung zu kommen. Dafür war er schlichtweg zu abstoßend. Gab es nicht eine andere Möglichkeit dieser Grässlichkeit zu begegnen?

ArbeitsplatzEinesSteinestaplers
Typischer Arbeitsplatz eines einfachen Kämpfers gegen die Tyrannei des niederen Gesteins

Überhaupt, Steine. Ich verab-scheue sie. Nichts erzeugt in mir mehr Unbehagen, als die matt glitzernden Kristalle eines Feldspats oder der jadegrüne Schimmer eines Malachits. Und dann sind da noch diese vermaledeiten Kiesel. Niederste aller Schüttgutformen. Von den Gewässern dieser Erde rund geschliffen und von seinen chemischen Bestandteilen mit erdiger Farben versehen, sind sie als Baustoff und Verschönerungs-element in der menschlichen Gesellschaft allgegenwärtig. Es ist ein Unding. Warum mussten diese Kiesel und ich nur in die gleiche Welt geboren werden? Verfluchtes Zwerggestein!

Doch zurück zu dem weichenstellenden Tag im März. Ich packte also den Quell meines Unmuts auf einen Spaten, stapfte zu einem freien Fleckchen Erde, schleifte noch ein paar andere verkümmerte Verwandte herbei, kramte Gartenhandschuhe hervor und begann mit meinem Rachefeldzug. Ich war mir absolut sicher. Kein Stein dieser Welt kann es behaglich finden auf Kante zu stehen. Dazu sind sie einfach nicht gemacht. Das erkennt man ja schon, wenn man sich mal umsieht.

DreiSteintrolle
Drei Schichtungen. Für die bezwungenen Bauelemente auf Kante glücklicherweise eine recht unbehagliche Position

So saß ich also da und stapelte und stapelte. Kalte Abscheu in mir trieb mich voran. Und warme Genugtuung überkam mich, als ich eine Stunde später wieder aufsah. Ich hatte es geschafft. Da stand das steinerne Geschmeiß unbequem auf Kante. Grimmig erhob ich mich, um mir ein kühles Belohnungsbier aus dem Keller zu holen.

Lange saß ich an diesem Abend noch im Dämmerlicht und betrachtete die Schichtungen in all ihrer Unbequemlichkeit. Der Kampf hatte begonnen! Mein Leben als Steinstapler lag vor mir und zum ersten Mal strahlte die Zukunft  ungewohnt verheißungsvoll.

Von all dem Knust

Ebergötzen. Am 2. April 2011 findet Lenz einen einzigartigen Gästebucheintrag.

BrotInFreiheit
Hinweisschild

Sehr geehrte Europäisches Brotmuseum.

Ich bin Japernerin.
Ich habe ins Brotmuseum am 1.12.2001 zweimal in Tag besucht.
Ich bin interessiere mich für Brot.
Ich war so glück, daß ich ins Museum gegangen. Weil gibt es wenig Brotmuseum in Deutschland (ich weiß es gibt in nur ULM und GÖTTINGEN).
Wenn ich ins Europäisches Brotmuseum gegangen, habe ich viel Sache gelernt! Danke schön!
Der Chef war so nett und viele Kinder haben Küchen gebacken.
Der Anblick war mit gute Eindruck gegeben.
Ich habe meinen Traum mich genähert.
Zukunft möchte ich Bäckerin werden.
In Göttingen gibt es viele nette Menschen.
Es ist mir wie eine Stadt von Traum.

Brotstempel
Brotstempel zur Vervielfältigung von Teigwaren

Ich bleibe bis halb August in Deutschland.
Jetzt ich studiere Germanistik in Halle Martin-Luther-Universität.
Ich möchte nicht nur Germanistik, sondern auch Brot studieren.

Wenn Sie andere Museum wissen, können wie mir lehren?

Wenn man Brot ißt, ist lächendes Gesicht so schön!

Herzliche Grüße,
Eriko Sato

Gästebucheintragsfragment
Fragment des Originaldokuments von 2001

DiverseBrote
Verschiedene Brote, z. B. Römisches Weihbrot aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. (linke, untere Ecke)

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Flatu Lenz gescholten hat, man könne die Veröffentlichung dieser wundervollen Brotmuseumshuldigung als Bloßstellung missverstehen. Nichts liegt Lenz ferner. Atmet nicht jedes Wort dieses Gästebucheintrags die von uns so hoch geachtete japanische Mentalität? Gibt es einen Teutonen der ähnlich Zauberhaftes in fremder Zunge hätte zustande bringen können? Wir denken nein. Und verneigen uns tief vor Eriko Sato. Sie hat uns in Ebergötzen ein vollendetes Kleinod hinterlassen!

Gastbeitrag von Meister L.

Diese bekömmlichen Zeilen trug mir heute die Digitalfee zu. Sie stammen aus dem Hirn eines gewissen Meister L. Ich möchte sie nicht vorenthalten.

Hinternfort

Mein Hintern hier
ist stets bei mir
ich trag ihn unter mir
er dienet mir
schier
unglaublich
ich wüsste nich
wohin mit all dem Scheiß
wer weiß
wer weiß
ich würd
wahrscheinlich
platzen
würd Futter für die Spatzen
bei all dem Scheiß
drum dank ich
meinem Hintern hier
und trag ihn weiter
unter mir

25. Mai

Welttag des Handtuchs. Es ist jeder Erdenbürger dazu aufgerufen an diesem wunderbaren Tag im Mai ein Handtuch bei sich zu tragen. Dies ist hinternfort eine erstklassige Angelegenheit, denn: „Ein Handtuch, sagt man, ist so ziemlich das Nützlichste, das ein Anhalter auf Weltraumreisen bei sich tragen kann. Einmal ist es von großem praktischen Wert …“
Mit den eben zitierten Worten beginnt die große Schau, die diesen Sommer im Kasseler Fridericianum zu sehen ist. Sie trägt den verheißungsvollen Titel Das Handtuch im Spiegel der Jahrhunderte. Und nicht weniger ist auch zu sehen.

Sitzknoten
Ein sog. Mizoramischer Sitzknoten. Noch heute zu finden im indischen Bundesstaat Mizoram. Der Gebrauch ist aber auch schon aus vorchristlicher Zeit bekannt. Das Frottiertuch wird durch eine Jahrtausende alte Knottechnik zum Handtuchhocker umfunktioniert.

Von den ersten Anfängen des wollenen Frottierhandtuchs aus vorchristlicher Zeit bis hin zu dem hochmodernen und leistungs-starken Allzwecktextil von heute. Dies zeigt die durch und durch gelungene Ausstellung sehr deutlich: Das Handtuch war seit jeher ein treuer Weggefährte des Menschen, hat Aufstieg und Fall der Hochkulturen prägend begleitet und wurde wie kaum ein anderer Alltagsgegenstand im Laufe der Jahrhunderte derartig häufig und grundlegend umgestaltet. Viel gibt es in Kassel zu lernen, wovon kaum ein Laie jemals gehört hat.

EindornigesStreittuch
Das vor allem in Großbritannien verwendete Eindornige Streittuch ist eine Weiterentwicklung des Niederländischen Dreschhandtuchs. Abgebildet ist der Nachbau einer häufigen Variante aus dem 15. Jahrhundert.

Der erste gesicherte Nachweise für die Verwendung von Handtüchern existiert für die Zeit um 200 v. Chr. und ist vom Indischen Subkontinent bekannt. Alte Zeichnungen belegen, dass Handtücher dort schon sehr früh in den Alltag eingebunden waren. Um 100 v. Chr. kam es hier auch zur ersten Blüte vielfacher Umwandlungspraktiken. Manche Traditionen haben sich durch mündliche Überlieferung bis heute erhalten. So zum Beispiel der mizoramische Sitzknoten.
Aber auch im Europa der Frührenaissance gibt es schlagende Beispiele für regen Handtuchgebrauch. Aus dem 15. Jahrhundert ist bekannt, dass sich das so genannte Streittuch bei der Landbevölkerung im Kampf gegen berittene Einheiten großer Beliebtheit erfreute. Belege dafür finden sich beispielsweise zuhauf in Großbritannien, aber auch in den Niederlanden.

Laptowel
Laptowel aus den späten 1990ern. Vorläufer des heute weltweit verbreiteten iTowel.

In der Neuzeit schließlich ist das Trocknungstuch vollends als Hochtechnologie in unseren Alltag integriert. Ob als Laptowel in den späten 1990ern oder als moderner iTowel, das Handtuch ist überall.
So spannt diese Schau einen großen Bogen und lässt den Besucher unaufdringlich bereichert zurück. Man sollte diese Ausstellungsrarität im Herzen Kassels nicht verpassen, denn wer sie gesehen hat, denkt hinternfort anders über dieses vermeintlich unscheinbare Abrubbelutensil.

…ick lass Dir frei!