Schlagwort-Archive: Bürgerpflicht

Lesen reicht nicht aus …

Die Kraft der Landstraße ist eine andere, ob einer sie geht oder im Aeroplan darüber hinfliegt. So ist auch die Kraft eines Textes eine andere, ob einer ihn liest oder abschreibt. Wer fliegt, sieht nur, wie sich die Straße durch die Landschaft schiebt, ihm rollt sie nach den gleichen Gesetzen ab wie das Terrain, das herum liegt. Nur, wer die Straße geht, erfährt von ihrer Herrschaft und wie aus eben jenem Gelände, das für den Flieger nur die aufgerollte Ebene ist, sie Fernen, Belvederes, Lichtungen, Prospekte mit jeder ihrer Wendungen so herauskommandiert, wie der Ruf des Befehlshabers Soldaten aus einer Front. So kommandiert allein der abgeschriebene Text die Seele dessen, der mit ihm beschäftigt ist, während der bloße Leser die neuen Ansichten seines Inneren nie kennenlernt, wie der Text, jene Straße durch den immer wieder sich verdichtenden inneren Urwald, sie bahnt: weil der Leser der Bewegung seines Ich im freien Luftbereich der Träumerei gehorcht, der Abschreiber sie aber kommandieren lässt. Das chinesische Bücherkopieren war daher die unvergleichliche Bürgschaft literarischer Kultur und die Abschrift ein Schlüssel zu Chinas Rätseln.

Aus: Walter Benjamin, Einbahnstraße.

18. Januar – Tage des Lauchs

Notizbuch Mitte…

„[…]Erste Hinweise auf frühe Lauchverehrung finden sich bereits im Umfeld römischer Vulcanuskulte, die Mitte des 1. Jh. n.Chr. von verschiedenen Autoren beschrieben wurden. Die milde Schärfe und die kräftigende Wirkung des Gemüses wurden dem Einfluss des im Hintergrund stehenden Gottes zugeschrieben, seine Eigenschaft in der Suppe nur die zweite aber unabkömmliche Geige zu spielen, gar mit der Stellung des Schmiedegottes im Pantheon gleichgesetzt. Wer diese wirren Gedanken zunächst zu Papier brachte ist unklar, aber[…]

Tage des Lauchs ist eine Adaption römisch, kaiserzeitlicher Texte unbekannter Autoren über Porree und andere Gemüse, deren gesellschaftliche Bedeutung sich auch heute noch in Festen und Feiertagen niederschlägt.

 

19. November [4]

Welttoilettentag der Vereinten Nationen. Wohlstand allerörtchen in unserer durchtoilettisierten Nation. Kein Wunder, dass man immer wieder auf verwaiste Nasszellen trifft. Kalt und unbehaglich starren sie ins Leere und rufen stumm: „Nutze mich! Mach mich wieder zum stillen Teilhaber Deines Geschäfts! Einem heimelichen Rückzugsort für die erholsamsten Minuten des Tages!“ Doch wir werden diesen Ruf nicht hören. Denn wir sind nicht nur durch-, wir sind übertoilettisiert! Ein Zeichen krassen Wohlstands und ein Zustand, der sich nicht so schnell ändern wird. Und trotzdem fürchten wir uns mehr und mehr vor der Zukunft. Wie kann das sein? Wir von hinternfort wissen es nicht. Doch es ist an uns gegen diesen Missstand anzugehen, indem wir uns mehr für die stille Einkehr engagieren. Stellvertretend lässt sich so auch unsere Zukunftsangst bewältigen. Folgende Losung wird ausgegeben und ist zu befolgen: Restauration und konsequente Nutzung verwaister Örtchen ist oberste Bürgerpflicht! Wir schulden es unseren trüben Gedanken und unserem geliebten Wasserklosett.

Verwaistes Örtchen. Der Autor war entsetzt, als er diesen krassen Missstand in der eigenen Nachbarschaft aufeckte.