Strandgut

Eines dunstgeschwängerten Morgens verlässt ein außerordentlich kleiner Mann sein Anwesen. Er besteigt einen Ferrari 308 GTS.* Er startet den Motor und wird augenblicklich umhüllt vom satten Klang des 8-Zylinders. Die serpentinenreiche Küstenstraße tut ihr Übriges. Er kommt nicht weit, segelt ein kurzes Stück im Seewind dahin und verschwindet dann, samt Vehikel, in den zerwühlten Tiefen.

Es ist 1989. Ein ereignisreiches Jahr. Doch wir wollen uns nicht im historischen Kleinklein verheddern.
StrandferrariSand
Zweieinhalb Jahrzehnte später.

Ein wesentlich größerer Mann schlendert einen Strandabschnitt entlang. Seine Arme hinter dem Rücken verschränkt, seinen Blick suchend auf den Sandstrand gerichtet. Plötzlich verharrt er, scharrt mit der Fußspitze im salznassen Schüttgut und bückt sich. Seine Hände legen einen kleinen Gegenstand frei. Er erhebt sich, lächelt. Behutsam gibt er das Gefundene in ein grünes Eimerchen und wandert weiter.

Was es wohl ist? Was er da wohl dem Spiel der Gezeiten entrissen hat?

* Eigentlich hätte er lieber diesen wirklich einmaligen 512 S Modulo, aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Immerhin kommt sein 308 GTS im typischem Rosso Corsa daher.

De nouveau bâtiment – pièce E

pièce E

Mauern machen frei. Richtig positioniert verengen sie den Horizont im notwendigen Maße, um uns dann den Blick aufs Wesentliche zu ermöglichen. Grenzenlose Freiheit gibt es vor allem auf kleinen Mäuerchen am Meer. Die ursprünglichen Bewohner sind längst verschwunden. Das alte Gestein stemmt sich zäh gegen die nagende Kraft der Gezeiten. Dort sitzen wir, einsam und frei.

De nouveau bâtiment – pièce T

SanFranciscoHochhausschlucht

Dicht an dicht und mit stählerner Eleganz rammen sie ihre stumpfen Köpfe ins tadellose Blau des Nordfirmaments. Hin und wieder trifft man ein betagteres Exemplar, das sich kokett an seine voluminöseren Neffen schmiegt. Wir stehen mit beiden Füßen im unbestimmten Tanz nach der Moderne und wissen uns gut aufgehoben. In diesem allzu freundlichen Häuserwald findet der aufgeschlossene Betrachter endlich Selbstbesinnung und inneren Ausgleich. Erhabene Zwerghaftigkeit!

De nouveau bâtiment – pièce H

IMG_3287Die wegweisende Kraft des Zerfalls treibt den Künstler voran. Sie ist Antimaterie der schöpferischen Willensbildung und hilft dem Beseelten unbeschadet durch die feindliche Welt der Fantasmagonie zu gelangen. Der Hinterhof ist oft der einzige Zeuge. Ein altes Maultor mit schiefem Oberlicht kaut mit hohlem Zahn in den Angeln. Ein sprödes Fenstersims reibt müd am geschwollenen Augenlid. Auf Schnee und Kälte folgt Eis. Der Winter verdampft alle Sorgen.

Die Tage des andern Chief – II

Freitag 17.07.15, 9.17 Uhr (Eine Falle für den Chief)

Als ich beschwingt und leichtfüßig vom Einkauf heimkehrte, fand ich den Chief handlungsunfähig eingeklemmt unter meinem Fernsehschränkchen vor. Still saß er da, geduldig meiner Heimkehr harrend. Ich befreite ihn, streichelte ihn kurz und grenzenlos unbekümmert setzte er sein Werk fort. Ein lange zurückgehaltener Seufzer entrang sich meinem Inneren.EineFalleFürDenChief

Die Tage des Chiefs – I

Dienstag 14.07.2015, 12:08 Uhr

Der Chief ist da! War nach dem Läuten der Türglocke zunächst unentschlossen wegen des bisher so herrlich ungestörten, freien Tages, gab dann aber doch der Neugier nach. Er stelle es grade eben hinter die Gartenpforte, versicherte mir die Gegensprechanlage, da schwante es mir schon und so wars dann auch: Leicht lädierten Kartons lehnte er am Gartenzaune und begann seinen Sirenengesang zu säuseln.

Dienstag 14.07.2015, 15:03 Uhr

Der Chief saugt munter den roten Salon, kommt aber anscheinend nicht so richtig auf den Teppich klar. Ist ihm wohl zu „leicht“ und am falschen Platze, wird er sich aber mit abfinden müssen. Der Teppich macht das Zimmer erst richtig gemütlich, also bleibt er!

Dienstag 14.07.2015 ca. 15:30 Uhr

Habe mich ins Schlafzimmer zurückgezogen, während der Chief draußen rumort. Ich hoffe er verletzt sich nicht…

Dienstag 14.07.2015, 16:00 Uhr

Seit einer halben Stunde ist es ruhig und ich habe meine Buch beendet. Ich finde den Chief unverletzt und tatendurstig. Kurzentschlossen sperre ich ihn ins Schlafzimmer, um den Rest meines Heims ungestört lüften und auf etwaige Schäden begutachten zu können. Als ich vom Balkon aus ins Schlafzimmer blicke, sehe ich wie er den Nachttisch vor die Tür rückt.

Dienstag 14.07.2015, 17:30 Uhr

Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, rief er mich und ich habe ihn rausgelassen. Gab ihm dann was zu fressen und wies ihm sein Zimmer an. Scheinbar schläft er jetzt.

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De nouveau bâtiment – pièce Z

Lesekammern

Grau und matt würfelt sich dieser architektonische Wunschtraum in die Stadtlandschaft. Hundesatt pumpt die offen gelassene Verkehrsader ihre glitzernden Schwaden an den engen Lesekammern vorbei. Käsige und weniger käsige Studenten mampfen Wissen hinter glänzenden Fenstern und sehnen sich nach sprudelnden Erfrischungsgetränken und begurktem Käsebrot. Der Morgen frisst den Abend und der Abend frisst den Morgen.

Ansichten eines Steinestaplers

Sich in der Szene zu behaupten ist nicht einfach. Man benötigt ein ruhiges Händchen, Beharrlichkeit und Durchstzungsvermögen, um die eigenen Vorstellungen verwirklichen zu können. Der Stein ist der Gegner. Ganz klar. Ihn zu bezwingen, oberste Direktive.
Es war an einem schönen Tag im März, als ich den Kampf gegen diese schweigsamen Gesellen auf mich nahm.

Ich hatte gerade damit begonnen den Garten aufzuräumen. Er war von winterlicher Brache ganz zerwühlt und unansehnlich, da stieß mein Fuß gegen eine harte Kante. Ärgerlich wollte ich das Hindernis mit einem gezielten Tritt beiseite schaffen, doch irgend etwas ließ mich innehalten. Der Stein verdiente es nicht noch einmal mit meinem Fuß in Berührung zu kommen. Dafür war er schlichtweg zu abstoßend. Gab es nicht eine andere Möglichkeit dieser Grässlichkeit zu begegnen?

ArbeitsplatzEinesSteinestaplers
Typischer Arbeitsplatz eines einfachen Kämpfers gegen die Tyrannei des niederen Gesteins

Überhaupt, Steine. Ich verab-scheue sie. Nichts erzeugt in mir mehr Unbehagen, als die matt glitzernden Kristalle eines Feldspats oder der jadegrüne Schimmer eines Malachits. Und dann sind da noch diese vermaledeiten Kiesel. Niederste aller Schüttgutformen. Von den Gewässern dieser Erde rund geschliffen und von seinen chemischen Bestandteilen mit erdiger Farben versehen, sind sie als Baustoff und Verschönerungs-element in der menschlichen Gesellschaft allgegenwärtig. Es ist ein Unding. Warum mussten diese Kiesel und ich nur in die gleiche Welt geboren werden? Verfluchtes Zwerggestein!

Doch zurück zu dem weichenstellenden Tag im März. Ich packte also den Quell meines Unmuts auf einen Spaten, stapfte zu einem freien Fleckchen Erde, schleifte noch ein paar andere verkümmerte Verwandte herbei, kramte Gartenhandschuhe hervor und begann mit meinem Rachefeldzug. Ich war mir absolut sicher. Kein Stein dieser Welt kann es behaglich finden auf Kante zu stehen. Dazu sind sie einfach nicht gemacht. Das erkennt man ja schon, wenn man sich mal umsieht.

DreiSteintrolle
Drei Schichtungen. Für die bezwungenen Bauelemente auf Kante glücklicherweise eine recht unbehagliche Position

So saß ich also da und stapelte und stapelte. Kalte Abscheu in mir trieb mich voran. Und warme Genugtuung überkam mich, als ich eine Stunde später wieder aufsah. Ich hatte es geschafft. Da stand das steinerne Geschmeiß unbequem auf Kante. Grimmig erhob ich mich, um mir ein kühles Belohnungsbier aus dem Keller zu holen.

Lange saß ich an diesem Abend noch im Dämmerlicht und betrachtete die Schichtungen in all ihrer Unbequemlichkeit. Der Kampf hatte begonnen! Mein Leben als Steinstapler lag vor mir und zum ersten Mal strahlte die Zukunft  ungewohnt verheißungsvoll.